Wie mir eine totale Sonnenfinsternis Erleuchtung schenkte

Am 12. August ist es wieder soweit. Die Medien und Geschäftemacher rühren unablässig die Werbetrommel, um ihre Botschaften unter das Volk zu bringen. Der normale Mensch ist schlichtweg zu dumm, um eine Sonnenfinsternis zu beobachten. Er benötigt professionelle Hilfsmittel und behördliche Anweisungen, um das Spektakel zu überleben.

Und das erinnert mich an den 11. August 1999. Es war seit langem die erste totale Sonnenfinsternis, die man auch von Deutschland aus betrachten konnte, kein Vergleich zum kommenden Ereignis. Entsprechend groß war die Aufregung, die damals noch von den üblichen Medien verbreitet wurde. Das Internet war noch ganz in seinen Anfängen. Da die Finsternis um die Mittagszeit stattfinden würde, hoffte natürlich jeder, dass er in der Mittagspause nach draußen gehen konnte, um sich das Jahrhundertspektakel nicht entgehen zu lassen. Zum Glück gibt es in Deutschland für alles eine Dienstanweisung, ganz besonders, wenn man bei einem öffentlichen Arbeitgeber beschäftigt ist, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht.

Und genau bei so einem Arbeitgeber war ich während meiner Krefelder Zeit angestellt. Der ganze Tagesablauf wurde durch mehrere Pläne geregelt. Wer wann die Abteilung zu betreten hatte, wer Schlüsseldienst verrichten musste, damit rechtzeitig vor Eintreffen der Betreuten (Behinderte) alle Räume, Toiletten und Fenster geöffnet waren. Es gab einen Plan für die Aufsicht, einen für die Wäsche, einen für die Küche – natürlich alles im vollkommen gerechten Rotationssystem – und einen weiteren Plan, wer wann wenn beim Mittagessen zu füttern (Essen anreichen) hatte. Am Ende des Tages ging dann der mit dem Schlüsseldienst als Letzter von Bord, kontrollierte alle Fenster und elektrische Geräte, schloss alle Türen und ganz besonders wichtig, den Eingangsbereich ab. Kurze Zeit spät kam dann der Hausmeister der Einrichtung, schloss alle Türen wieder auf und kontrollierte noch einmal alle Fenster, elektrische Geräte, um dann wieder abzuschließen.

In so einer Abteilung hätte man also Glück haben können, am 11. August 1999 nicht mit der Mittagsaufsicht dran zu sein, was nur ein paar Leute betroffen hätte. Aber es kam anders, hätte, hätte, Suffragette.

Der Geschäftsführer gab eine Dienstanweisung heraus, die unter anderem Haftungsgründe dafür anführte, dass niemand während der Sonnenfinsternis die Abteilung verlassen dürfe. Alle Türen, Fenster und Rollläden mussten geschlossen werden, damit niemand Schaden nehmen konnte. Das Mittagessen sollte entsprechend vorgezogen oder später eingenommen werden. Bei Verstößen gegen diese Anweisung wurde mit schweren arbeitsrechtlichen Konsequenzen gedroht.

Ich lag beim ersten Lesen fast vor Lachen unterm Tisch und hoffte auf die versteckte Kamera, aber da war keine. Es war todernst. Wochenlang wurde Druck gemacht und an die Vorbildfunktion der Angestellten erinnert, sowie die Verantwortung für die Behinderten, die allesamt erblinden oder wegen der plötzlichen Dunkelheit Angstzustände erleiden könnten. Meine Güte, Monty Python war nichts gegen diese fette Dosis Realität aus dem Grusellexikon der Heilpädagogik für Versicherungsvertreter.

Mit einem Schlag war mir klar, dass nicht nur der ganze Sozialbereich, all die dazu gehörigen Berufsfelder und Berufsbilder, sondern unsere ganze Gesellschaft ziemlich am Ende sein mussten, wenn man sich solchen irrsinnigen Anordnungen fügt. Nicht, dass ich übergroßen Wert auf die Sonnenfinsternis legte, ich hätte gut damit leben können, aus ganz normalen beruflichen Gründen unabkömmlich zu sein, nicht aber wegen solch einer Arschkriecherei. Ab sofort konnte ich den Laden, keine Vorgesetzten und keine ergebenen Kollegen mehr ernst nehmen. Ich kann mich noch gut an das regelmäßige Kopfschütteln einer Kollegin erinnern, die aus der ehemaligen DDR stammte, wann immer unsinnige Anweisungen erlassen wurden. „Bei uns haben sich die Oberen genauso benommen“, sagte sie dann immer.

Leider musste ich mich selbst verraten, wie ich glaubte und konnte den Job nicht einfach hinschmeissen, ich hatte ja Verantwortung zu tragen und der Tag der Schande, jener 11. August ging einfach vorüber. Ihm folgten aber weitere Tage der Schande, die mir immer wieder klar machten, dass ich dort nichts mehr zu suchen hatte. Gut zwei Jahre dauerte es, bis ich meine privaten Verhältnisse geklärt hatte und gehen konnte. Manchmal kann man nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpfen, oder? Rückblickend glaube ich das nicht mehr. Natürlich hätte ich auch meinem inneren Drang folgen können und erst den Job geschmissen und dann alles andere geregelt, aber damals wusste ich es nicht besser. Hauptsache, heute bin ich mein eigener Herr, auch wenn das in unserem Land zunehmend immer schwerer gemacht wird.

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